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Keine Überraschungen - Ein Interview mit Chen Lan


Der gebürtige Chinese Chen Lan gilt als Experte auf diesem Gebiet. Mit seiner Website prägte er den Begriff des "Taikonauten" für chinesische Raumfahrer.

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Autor: Felix Korsch, 07.10.2003




Logo der Website von Chen Lan. Sie gilt als eine der wenigen objektiven Quellen zum Thema.
Raumfahrer.net: Mr. Chen, der erste bemannte chinesische Raumflug wird sehr bald stattfinden. Was ist bis jetzt bekannt über diesen Flug, seine Crew, und die Ziele?

Chen Lan: Es wird sich ein Taikonaut für eine eintägige Mission mit mehr als zehn Erdumkreisungen an Bord befinden. China möchte dies so simpel wie möglich halten. Das einzige Ziel ist es, den ersten Taikonauten ins All zu befördern.

RN: Es wurde durch die chinesischen Medien berichtet, dass während der Mission nur ein kleines Experimentalprogramm vollführt werden soll. Welche Experimente sind geplant und was werden die Hauptnutzlasten sein?

CL: Bestätigt wurde, dass ein Kilogramm verschiedener Pflanzensamen an Bord von Shenzhou 5 befördert werden sollen. Es gibt außerdem Berichte über eine CCD-Kamera an der Außenwand des Raumschiffes, aber dies ist nicht bestätigt. Im Grunde wird der Taikonaut selbst die Hauptnutzlast sein. Alle anderen Nutzlasten sind nur sekundär und hintergründig.

RN: Werden die technischen Spezifikationen von Shenzhou 5 sich von den bereits unbemannt geflogenen vier Raumschiffen gleichen Typs unterscheiden? Es gibt außerdem widersprüchliche Angaben darüber, ob sich bereits ein Kopplungsapparat am vorderen Ende der Orbitalsektion befinden wird.

CL: Die technischen Details von drei der vier Shenzhou-Raumschiffe sind sich sehr ähnlich. Die Unterschiede lagen derweilen im so genannten "additional segment" am vorderen Ende des Orbitalmoduls. Shenzhou 1 und 2 beinhalteten ein experimentelles magnetisches Kurskontrollsystem mit drei Polungen. Man muss aber auch sagen, dass diese so genannten ELINT-Nutzlasten noch sehr unbestimmt und einfach gehalten waren. An der Spitze von Shenzhou 3 etwa handelte es sich um einen einfachen Kasten. Shenzhou 4 dagegen trug einen Mikrowellen-Sensor mit mehreren scheibenförmigen Antennen. Im Falle von Shenzhou 5 kann man Berichte lesen, dass ein Dockingsystem an eben jener Stelle installiert sein soll, aber leider hat es noch keine offizielle Bestätigung gegeben. Auf den Fotographien des Shenzhou 5-Raumschiffes finde ich zumindest keine antennenartigen Installationen wie etwa bei Shenzhou 1 und 2.

RN: Erwarten Sie für uns westliche Beobachter "Überraschungen" während der kommenden Mission?

CL: Eine schwierige Frage! Ich selbst erwarte keine derartigen Überraschungen während des Fluges. Ich habe ja bereits betont, dass China die Mission so einfach wie möglich halten möchte. Aber die Überraschung könnte nach der Landung kommen...

RN: Wir lesen hier sehr widersprüchliche Berichte über die chinesische Raumfahrt. Ist diese Konfusion gewollt? Dieses Verhalten erinnert an die frühe sowjetische Raumfahrt.

CL: Die chinesischen Medien bieten gleichbleibend gehaltvolle Informationen, obwohl die Informationen an sich tatsächlich begrenzt sind. Die Verwirrung rührt eher aus den westlichen Medien her. Nein, die chinesischen Behörden forcieren diese Konfusion nicht, aber sie werden sie auch nicht unbedingt zerstreuen. Zumindest nicht jetzt, wo es einen festen Sendeplan zur Liveübertragung der Mission gibt.

RN: Stimmt es, dass die Chinesische Volksarmee die Kontrolle über die Vorbereitungen im Weltraumbahnhof Jiuquan übernommen hat? Wurde eine Art von Nachrichtensperre verhängt?

CL: Das Startzentrum wird vom Militär betrieben. Die Armee ist außerdem involviert in eine Reihe anderer Bereiche, etwa den Transport der Technik oder die Flugüberwachung. Allerdings wird nicht das gesamte Programm von der chinesischen Armee kontrolliert. Was eine Nachrichtensperre betrifft, so weiß ich nicht, inwieweit dies ein normales Vorgehen ist. Die Kontrolle von Informationen existiert zweifellos. Unmittelbar vor dem Start werden wir eine völlig andere Situation vorfinden - die ganze Welt wird über das Fernsehen Zeuge von Chinas erster bemannter Mission sein können.

RN: Welche Schritte könnten nach Shenzhou 5 folgen? Gibt es bereits einen Zeitplan für eine Nachfolgemission?

CL: Nun ja, die nächsten Schritte werden sicher ein Dockingunternehmen, ein Raumspaziergang und irgendwann auch eine Mini-Raumstation sein. Aber all diese späteren Vorhaben werden vom Verlauf von Shenzhou 5 und Shenzhou 6 abhängen. Es ist noch zu früh, um hier etwas sicher voraussagen zu können.

RN: Wie realistisch erscheinen Ihnen die mehrfach geäußerten Pläne einer chinesischen Mondlandung? Wie weit ist man hiervon noch entfernt?

CL: Dies wird sicher nicht vor dem Jahre 2020 zu einem ernstzunehmenden, diskutablen Thema werden.

RN: Sehen Sie eine Perspektive für eine internationale Kooperation mit China auf dem Sektor der bemannten Raumfahrt?

CL: Hier liegt es an den USA. Ich denke, dass die Einbeziehung Chinas in das ISS-Programm auf längere Zeit nicht verhindert werden kann, was aber wohl nicht in diesem Jahrzehnt geschehen wird und auch erst dann, wenn sich die chinesisch-amerikanischen Beziehungen, konkret die US-amerikanische Fernost-Politik, wesentlich gewandelt hat.

RN: Einige US-Medien vertreten den Standpunkt, dass China eine Militarisierung des Weltraums anstrebt. Ist eine neue Konfrontation im All zu erwarten?

CL: Es sind an dieser Stelle die USA, und nicht etwa China, welche den Weltraum schrittweise militarisieren. China hat sich in der UN bisher immer klar gegen diese Entwicklung positioniert. Möglicherweise wird China aber den USA in diesem Sinne Folgen, was eine Entwicklung wäre, welche ich nicht sehen möchte.

RN: Eine letzte Frage: wie ist im chinesischen Weltraumprogramm die Relation zwischen blankem Prestige und ernsten wissenschaftlichen Hintergründen einzuschätzen?

CL: Als eine große politische Macht muss China das Feld der bemannten Raumfahrt betreten. Es ist eine strategische Notwendigkeit. Die bemannte Raumfahrt an sich wird ihren vollen kommerziellen, militärischen und wissenschaftlichen Wert erst in 20, vielleicht auch erst in 50 Jahren ausschöpfen können. Was China nun tut, ist das Sammeln von Erfahrungen, um später auf diesem Gebiet eine Hauptrolle spielen zu können.

RN: Herzlichen Dank für dieses Interview!

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