zur Startseite
  Navigation  
 

Suche

Kosmodrom Jiuquan


China verfügt neben einer eindrucksvollen Raketentechnik auch über eine moderne Infrastruktur, wenn es um Weltraumstarts geht.

Druckversion

Autor: Felix Korsch, 12.08.2003


Besondere Bedeutung erhält hierbei das Startgelände nahe Jiuquan, offiziell bezeichnet als Jiuquan Satellite Launch Centre (JSLC). Entstanden als militärisches Testgelände ist Jiuquan heute nicht nur das älteste, sondern auch das wichtigste Kosmodrom der Volksrepublik. Seit 1992 erfolgt ein andauernder Umbau, um die mit dem Shenzhou-Programm aufkommenden neuen Ansprüche zu erfüllen. Das JSLC liegt im Nord-Westen Chinas, genauer in der Provinz Gansu, rund 200 Kilometer nordöstlich der Stadt Jiuquan, welche dem Startplatz ihren Namen verlieh. Auf Grund ihres betont militärischen Charakters existieren bislang nicht viele Daten über Jiuquan. So verwundert es denn nicht, wenn seitens der Chinesen von Basis Nr. 20, Shuang Cheng Tzu, Nord 51/s oder Lanzhou Nr. 27 die Rede ist, während man von ein und dem selben Objekt, dem JSLC spricht.



Lage des Kosmodroms auf dem riesigen Territorium der Volksrepublik
Am 1. Juni des Jahres 1956 begann der Bau des Kosmodroms, nachdem nur kurz zuvor die chinesische Staatsführung ein eigenes Raumfahrtprogramm offiziell beschloss. Dem Startgelände kam dabei vor allem strategische Bedeutung zu. Notwendig wurde es, nachdem China Ende der 50'er von der Sowjetunion Baupläne für ihre R-2-Rakete erhielten, eine Weiterentwicklung der deutschen A4, bekannt geworden als V-2. Am 1. September 1960 konnte dann von hier aus der erste Start einer R-2 von chinesischem Boden erfolgen. Damals existierte auf dem Gelände nicht viel mehr als ein Startpodest, eine Montagehalle, einige Kasernen sowie Lagerstätten für Treibstoffe. Es folgten eine Reihe weiterer Starts modifizierter Raketen des Typs R-2, welche bereits im Rahmen des Projekts 1059 unter eigenem Label Dong Feng-1 ("Ostwind") geführt wurden. Nach dem Bruch mit der Sowjetunion war man vor allem bemüht, die erworbene Technik militärtauglich zu machen.

Kein Wunder also, als am 27. Oktober 1966 eine modifizierte DF-2(A) mit einem nuklear-tauglichen Sprengkopf an der Spitze abgefeuert wurde. Diese Rakete war der russischen R-5 zumindest äußerlich täuschend echt nachempfunden. Über die Jahre wurde Jiuquan intensiv für Militärzwecke genutzt. Alle bekannten Testflüge von Kurz- und Mittelstreckenraketen sowie ballistischen Interkontinentalraketen erfolgten von hier aus. Bereits am 21. März 1962 sollte die DF-2 ihr Können unter Beweis stellen, doch der Start endete in einem Desaster. Auch dem Westen blieben die Bemühungen Chinas nicht völlig verborgen, weswegen die einsetzende Stagnation vor allem auf das Ausbleiben technischer Unterstützung aus der Sowjetunion geschoben wurde. Bis 1964 dauerte die völlige Neukonstruktion der DF-2 an, denn in den einsetzen Untersuchungen hatten sich gravierende Mängel an der - angeblichen - Eigenentwicklung offenbart.



Eine Feng Bao-1 auf dem Startpodest in Jiuquan. Die Technik war hauptsächlich made in U.S.S.R und noch Jahre später erinnerte das Gelände an die "Steinzeit der Astronautik".
(Bild: unbekannt)
Schon bald geriet das gesamte chinesische Raumfahrtprogramm und damit auch der Status Jiuquans ins Wanken, als 1966 die Kulturrevolution einsetze und viele gute Raketenwissenschaftler aus den verantwortlichen Konstruktionsbüros entfernte. Dennoch erlebte die CZ-1 am 10. Januar 1970 ihre Premiere und konnte am 24. April den Satelliten Dong Fang Hong-1 (DFH-1) - "Der Osten ist rot" - als ersten chinesischen Satelliten überhaupt ins All bringen. Auch dieser Start des "Mao-Satelliten" erfolgte von Jiuquan aus. Die CZ-1 war in Wirklichkeit eine militärische Entwicklung, nämlich die zivile, orbitale Variante der neuen DF-4, welche selbst erst 1976 ihren Erststart im militärischen Rahmen erlebte.

Es folgten eine Reihe weiterer Weltraumstarts. Zu erwähnen ist vor allem der erste Wissenschaftssatellit Shi Jian 1 ("Anwendung") am 3. März 1971, welcher Ebenfalls durch eine CZ-1 in einen niedrigen Erdorbit gelangte. Bis 1974 wurden die CZ-2 sowie die eigentlich völlig unsinnige Parallelentwicklung Feng Bao-1 entwickelt und erlebten einen unsanften Anfang, wobei beide Startversuche missglückten. Immerhin rappelte man sich wieder auf und es war wieder Jiuquan, von wo aus am 26. November 1975 zum ersten Mal eine chinesische Nutzlast ins All geschossen und sicher zurückgeführt wurde. Die Startanlage blieb in der Folge für lange Zeit geheimnisumwittert und in seiner Funktion trotzdem das Rückgrat der chinesischen Raumfahrt.

Diesen Eindruck mögen Spezialisten der NASA im Jahre 1979 wohl so gar nicht geteilt haben. Ihnen bot sich ein recht verwahrloster Einblick, die Rede war sogar von der "Steinzeit der Astronautik". Zu sehen bekamen sie ein einfaches, nicht feuerfestes Montagegebäude, einfachste Startpodeste ähnlich den sowjetischen Systemen zu Beginn der 50'er Jahre, und Baracken, die als Servicegebäude herhalten mussten. Treibstoffe lagerten teilweise in Kanisteranlagen unter der prallen Sonne und empfindliche Raketentechnik war vielfach den im Gebiet der Wüste Gobi häufig auftretenden Sandstürmen ausgesetzt. In diesem Zusammenhang ist es interessant zu bemerken, dass eine eigenständige Militäreinheit existiert, nur, um das Gelände regelmäßig von einwehendem Wind zu säubern. In den vergangenen beiden Jahrzehnten hat sich in und um Jiuquan natürlich einiges getan.



Eines der wenigen aktuellen Bilder: Haupt- und Verwaltungsgebäude des JSLC.
(Bild: Sven Grahn)
Der Zusammenhang des JSLC mit einem geplanten bemannten Start zeichnete sich erstmals konkret 1996 ab. Nach dem - erfolgreichen - 17. Start einer CZ-2 am 20. Oktober des Jahres mehrten sich Gerüchte, auf dem Kosmodrom liefen umfangreiche Umbauarbeiten, um einen bemannten Start zu vollführen. Der französische Erderkundungssatellit Spot-2 konnte dieses Treiben auf dem Gelände bestätigen. Russische wie amerikanische Aufklärungsdaten verzeichneten derartige Arbeiten bereits im Herbst 1992. Nachdem China in den kommerziellen Markt der Satellitenstarts einstieg und hierfür zunächst Ende der 80'er und Anfang der 90'er Jiuquan als Startzentrum zur Verfügung stellte, wurden neue Starts zunehmend auf andere Kosmodrome, namentlich Xichang und Taiyuan verlegt.



Teil des Südstartzentrums des JSLC, im Hintergrund das imposante BLS.
(Bild: CNSA)
In der Tat fanden diese Umbauten statt und ab 1999 ergänzte ein neues Südzentrum (SL4) das bisherige Kosmodrom (fortan Nordzentrum). Die neuen Anlagen dienten nun als Startplätze der schwereren Trägerraketen CZ-2E und CZ-2F, wobei letztere bekanntlich als Träger der Shenzhou-Kapseln fungiert. Hauptbeweggrund für den Ausbau wid vor allem der Gedanke gewesen sein, dass für bemannte Starts höhere Sicherheitsstandards gelten müssen. Entsprechend unterscheiden sich die neuen Startanlagen schon rein optisch - Startturm und mobiles Launchpad - von den bisher verwendeten Systemen. Rund 1,5 Kilometer vom Startpult entfernt befindet sich ein großes, zweigeteiltes Montagegebäude (BLS, Projektname 920-520), ähnlich dem VAB (Vehicle Assembly Building) des Kennedy Space Centers. Das 81,6 Meter hohe, 26,8 Meter breite und 28 Meter lange Gebäude dient der Montage der Trägerrakete, wobei - so deutet es das vorhandene Bildmaterial an - auch zwei Raketen gleichzeitig startfertig gemacht werden können; dies ist Grundvoraussetzung für etwaige Rendezvous-Missionen.



Noch einmal das BLS. Im Rücken des Betrachters befindet sich die Startanlage für die CZ-2F, in nur 1500 Metern Entfernung zum explosionsfesten Montagekomplex.
(Bild: Chinese Military Forum)
Ein Novum ist freilich die mobile Startrampe nach Vorbild der europäischen Ariane-Systeme, welche die Trägerrakete auf einem Schienensystem zum Startplatz befördert. Das 25 Tonnen schwere Fahrzeug mit Abmessungen von 24.4 x 21.7 x 8.4 Meter legt dabei bis zu 28 Meter in der Minute zurück. Bisher wurden die chinesischen Träger stets am Startort selbst montiert, was auch Gefahren, vor allem wegen der toxischen Treibstoffe, mit sich bringt. Das moderne, explosionsfeste Montagegebäude erscheint optisch absolut überdimensioniert für die Zwecke des Zusammenbaus der "nur" rund 62 Meter hohen CZ-2F. Denkbar ist hier eine langfristige Nutzung auch für Nachfolgeprogramme. Die Ähnlichkeit zum VAB der Amerikaner suggeriert gar die angedachte Fähigkeit, einen Raumgleiter zu beherbergen. Doch dies ist - erst recht nach der offiziellen Streichung des entsprechenden Projekts (921-3) - rein spekulativ. Aktuell umfasst das gesamte Kosmodrom eine Fläche von 5000 km², rund die Hälfte des russischen Weltraumbahnhofs Baikonur in der Steppe Kasachstans.



Andere Weltraum-Bahnhöfe und Startzentren Chinas. Ein weiteres ist derzeit in Planung.
Derzeit plant man in China, auf der Insel Hainandao ein neues, zentral gelegenes Kosmodrom nahe dem Äquator zu errichten. Hintergrund ist der alternde Zustand aller Startzentren (Jiuquan, Xichang und Taiyuan). Nach Angaben des stellvertretenden Generaldirektors der Chinesischen Akademie für kosmische Transporttechnologien gestalten sich die Kosten für die Modernisierung aller bestehenden Zentren wesentlich höher als für den Bau einer komplett neuen Anlage. Diese läge mit 18° nördlicher Breite recht nahe am Äquator (immerhin 10° näher als Cape Canaveral mit 28,5°). Der Standort im Südchinesischen Meer würde damit günstige Bedingungen schaffen und den Start schwererer Nutzlasten erlauben. Ob das Kosmodrom gebaut wird - hier sind die Informationen leider wieder sehr rar - ist unklar, ebenso, ob damit auch die Angelegenheiten des bemannten Programms verlagert werden. Warten wir also ab...

Verwandte Artikel:


 
News & Berichte
Newsarchiv
RSS

Geschichte
Projekt 714
Projekt 921
China und die MIR
Europa-China

Trägerraketen
Langer Marsch 1
Feng Bao 1
Langer Marsch 2
Langer Marsch 2F
Langer Marsch 3
Langer Marsch 4
Kaituozhe 1
Langer Marsch 5

Shenzhou
Shenzhou 1
Shenzhou 2
Shenzhou 3
Shenzhou 4
Shenzhou 5
Shenzhou 6
Shenzhou 7
Shenzhou 8

Taikonauten
Gruppe 1
Gruppe 2
Gruppe 3

Infrastruktur
Kosmodrom Jiuquan
Kontrollzentren

Zukunft
Kopplungen
Raumstation
Raumgleiter
Mondflug
Weltraumwaffen

Interviews
Chen Lan
Harro Zimmer

Ressourcen
Multimedia (Galerie)
Downloads
Bibliographie
Presse
Impressum




 

  Eine Webseite von  


       
 

Nach oben

 
Raumfahrer.netAlle Berichte sind das geistige Eigentum der Autorinnen und Autoren. Jede unautorisierte Übernahme ist ein Verstoß gegen das Urheberrecht.

Raumfahrer.net, © 2001-2012