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Projekt 714 - Chinas erste Schritte


Den Erstanlauf, einen Menschen ins All zu bringen, unternahm China unter größter Geheimhaltung bereits in den 70er Jahren.

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Autor: Felix Korsch, 12.08.2003


Dafür wurde seinerzeit, genauer 1971, sogar ein eigenes, rund 19 Mann umfassendes Raumfahrerkorps konstituiert. Verankert wurde dieses Vorhaben im Projekt 714 und sollte bis ins Jahr 1973 verwirklicht werden. Im März 1966 hielt die Chinesische Akademie der Wissenschaften (AdW) eine zweimonatige Fachkonferenz ab, um das gesamte chinesische Raumfahrtprogramm für die kommenden zehn Jahre zu diskutieren und zu beschließen. Zwar soll es seinerzeit keine Entscheidung bezüglich eines bemannten Programms gegeben haben; doch wurde abseits der Konferenz noch im März des Jahres im Jingxi Hotel die Möglichkeit eines eigenen bemannten Raumfluges zumindest diskutiert.

Als Folge dieser Gespräche wurde ein kleines Gremium gegründet und dem Wissenschaftlichen Verteidigungsrat Chinas unterstellt. Dieses Komitee umfasste:

  • Cai Qiao, Vizepräsident der Militärmedizinischen Akademie der Nationalen Volksarmee
  • Bei Shizhang, Manager des Institutes für Biophysik an der Akademie der Wissenschaften
  • Shen Qizhen, Vorsitzender der Chinesischen Akademie der Medizinwissenschaften
In längeren Diskussionen wurde schließlich ein gerade mal 20-seitiger Bericht über die Notwendigkeit bemannter Raumflüge und Wege dorthin erarbeitet. Über diesen waren sich die Gremiums-Mitglieder nicht wirklich einig, hinzu kam ein Kompetenzgerangel, ob ein solches Programm ins Aufgabenfeld des Militärs oder der zivilen wissenschaftlichen Institutionen gehört. Erstere waren zumindest damals im alleinigen Besitz entsprechender Trägertechnologie. Vom 11. bis 25. Mai 1966 wurde der bisherige Arbeitsstand auf einem einberufenen Forum zum Zehnjahresplan der chinesischen Raumfahrt präsentiert.



Bergung einer FSW-0-Kapsel. Ein ähnliches Szenario hätte sich bei einer bemannten Version dieses rückführbaren Satelliten ergeben.
(Bild: unbekannt)
Hierbei wurde die Notwendigkeit entsprechender Vorarbeit - die Entwicklung funktionierender Rückführungstechnik - betont. Die vorgestellten Pläne reichten von einer einfachen Kapsel ähnlich dem sowjetischen Wostok-Raumschiff bis hin zu einem eigenen Space Shuttle, wie es durch Xu Lianchang, Mitarbeiter des Institutes für Psychologie der Akademie der Wissenschaften, vorgeschlagen wurde. Alle Bemühungen wurden letztendlich auf die Entwicklung eines kleinen, rückführbaren Satelliten gelenkt. Wissenschafts- und Anwendungssatelliten sollten erst später folgen. Auf dieser Kapsel sollte das erste chinesische Raumschiff basieren - ein Vorhaben, welchem oberste Priorität eingeräumt und alle notwendigen Ressourcen verschafft wurden.

Im Juni 1966 wurde zur Verwirklichung eines solchen Satelliten erneut eine eigenständige Gruppe von Konstrukteuren innerhalb des Design Institute of Satellite Development (DISD) einberufen. Die Leitung übernahm Wang Xiji, welcher umgehend an verschiedene Institute Aufgaben zur Entwicklung der nötigen Subsysteme verteilte. Kaum einen Monat später sollten erstmals Hunde in suborbitalen Flügen ins All gelangen und sicher zurückgeführt werden. Drei Monate später sollte bereits ein vollständiges Lebenserhaltungssystem zur Verfügung stehen und während eines Fluges mit einem Affen an Bord erprobt werden.

Eben in jene Zeit fiel der Beginn von Maos Kulturrevolution. Die notwendige Technik war bereits auf dem Weg ins Kosmodrom Jiuquan, als führende Köpfe des chinesischen Raumfahrtprogramms wahllos ihrer Posten enthoben, inhaftiert oder gar hingerichtet wurden. Trotz des andauernden Staatsterrors konnte am 11. September 1967 der Entwurf des Satelliten abgeschlossen werden. Dieser sollte nunmehr auch als militärische Plattform nutzbar sein: zur Aufklärung/Spionage durch Kameras inklusive der Möglichkeit der Rückführung der Filme oder aber als Träger von Nuklearsprengköpfen.



FSW-Kapseln in der Werkshale. Hier hätte auch der Einbau eines Lebenserhaltungs-Systems für einen Taikonauten erfolgen können.
(Bild: unbekannt)
Im April 1968 gab die chinesische Führung die offizielle Order, die Arbeit an einem bemannten Raumfahrtprogramm wieder aufzunehmen. Dieses sollte nun gänzlich in den Händen der Militärs liegen und Ingenieure, Techniker und Wissenschaftler der beteiligten Institute der Akademie der Wissenschaften wurden in Uniformen gesteckt, während das gesamte Projekt wieder ausnahmslos der Verantwortung des Wissenschaftlichen Verteidigungsrats Chinas übergeben wurde. Bis 1969/1970 waren die Subsysteme weitestgehend vorhanden und Mao Tse-Tung gab grünes Licht, das Projekt zu vollenden. Nachdem am 24. April der erste chinesische Satellit ins All geschossen wurde erklärte Mao am 1. Mai gar öffentlich, dass der nächste Schritt nun ein bemannter Flug sein werde.

Am 5. Oktober begann bereits die Auswahl des ersten Taikonautenteams. Hiermit beauftragt wurde Guo Rumao, Direktor des Vierten Forschungsinstitutes der Luftwaffe. Zu Grunde gelegt wurden die Auswahlverfahren Ende der 50'er in den USA und der Sowjetunion. Guo kam ebenso zu dem Schluss, dass nur erfahrene Piloten geeignet für diese Tätigkeit seien. Hinzu kamen strenge politische Kriterien: eine "saubere" Parteiakte war ebenso ein Muss wie auch eine höhere Schulbildung. Außerdem sollten die Aspiranten möglichst leicht und klein sein, was wohl mit der Physiologie der Chinesen ebenso zu tun hat wie mit der begrenzten Kapazität der angedachten Kapsel. Hier wäre der Mensch genauso Nutzlast wie ein Kamerasystem oder eben ein Sprengkopf. Insgesamt wurden nach diesem Schema bis 1971 19 Kandidaten ausgewählt. Die Namen einiger von ihnen wurden später bekannt.

Mao selbst ordnete im April 1971 die Schaffung eines Trainingzentrums an und ließ dafür aus der Luftwaffe weiteres Personal, insgesamt 500 Personen, rekrutieren. Dieser Befehl wurde festgehalten als das eigentliche Projekt 714. Noch vor Ende des Jahres 1973 sollte ein erster bemannter Flug erfolgen können, was insgesamt rund zwei Jahre intensives Training ermöglichte. Die Astronautengruppe selbst wurde nur sehr mager ausgestattet: zur Verfügung stand ihnen ein Auto und ein Telefon, untergebracht wurden sie zunächst in Kasernen und Trainingsgerät musste mühsam und langwierig beantragt werden.

Nachdem der Verteidigungsminister Lin Biao am 13. September 1971 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, setzte erneut eine Säuberungswelle im gesamten Militär- und Wissenschaftsapparat Chinas ein. Mao vermutete, dass Lin Biao in die UdSSR flüchten wollte und sah zudem die Gefahr eines Staatsputsches. Auch das Raumfahrtprogramm wurde erneut einigen ihrer fähigsten Köpfe beraubt. Hier endete das Projekt 714 allerdings nicht, obwohl es unter die besondere Aufsicht des Militärs geriet. Die Zahl "714" bezeichnete im trockenen Politjargon jener Jahre den Fall einer bewaffneten Revolte, und unglücklicherweise erhielt das Taikonautenprogramm eben diese Bezeichnung. Groteskerweise wurde deshalb eine Verschwörung vermutet.

Nach und nach wurden dem Projekt die Ressourcen entzogen. Ein Trainingsmodell des Raumschiffes musste selbst aus Holz angefertigt werden und "Weltraumnahrung" wurde eigenhändig in Zahnpastatuben gefüllt. Konfrontiert mit Bittschriften der Projektleiter erklärte Mao, dass das Raumfahrtprogramm nicht die nötige politische Disziplin aufweise. Überhaupt erfordere es die volkswirtschaftliche Lage des Landes, zuerst an irdische Dinge zu denken und den Weltraum später zu beschreiten. Bis zum 13. Mai 1972 kehrten alle Projektteilnehmer zu ihren früheren Militäreinheiten zurück, das Taikonautenkorps wurde offiziell aufgelöst.



Fertige FSW-Kapsel. Zum Größenvergleich eignen sich die beiden Techniker im Hintergrund.
(Bild: unbekannt)
Trotzdem war das Unterfangen der Raumschiff-Entwicklung noch nicht gescheitert. Das raumfahrtmedizinische Institut werkelte weiter an Weltraumnahrung, Raumanzügen und Subsystemen für die geplante bemannte Kapsel. Was fehlte, waren nun die ausgebildeten Raumfahrer und natürlich die Kapsel an sich. Diese startete am 26. November 1975 als FSW-0 erstmals ins All. Zwar war die Mission im Endeffekt erfolgreich - nachdem man auf Grund fehlerhafter Telemetrie auf einen drohenden Totalverlust schloss und den Satelliten bereits nach drei Tagen zurückführte -, doch lag man ganze sechs Jahre hinter dem veranschlagten Zeitplan zurück. Die FSW-Kapsel (Fanhui Shei Weixing) bewies damit ihre Funktionsfähigkeit. Zwei weitere Kapseln dieses Typs folgten im Dezember 1976 und im Januar 1978.

Noch immer hielt man seitens der Planungsbüros ungeachtet aller Querelen am Plan eines bemannten Fluges fest. Im Februar 1978 wurde durch die Staatsmedien erstmals verkündet, dass ein bemanntes Raumfahrtprogramm im vollen Gange uns mit einem ersten Flug alsbald zu rechnen sei. Jen Hsinmin, Chef der neu gegründeten Chinesischen Weltraumbehörde, erklärte im November gar, dass darüber hinaus der Start einer Raumstation ähnlich dem amerikanischen Skylab geplant ist. Kurz darauf, im Januar 1980, erschienen in der Presse Fotos von Taikonauten im Training in einem Raumschiff-Simulator, der unweigerlich an das Cockpit des Space Shuttles erinnerte. Hinzu kamen Bilder von angeblichen Raumfahrerkandidaten in Skaphandern und Druckanzügen sowie beim Einnehmen von Tubennahrung. Der Knackpunkt ist, dass zu jenem Zeitpunkt offiziellen Angaben zu Folge kein entsprechendes Raumfahrerkorps existierte. Oder doch?



Eine FSW-Kapsel beim Flug im All. Ein bemannter Flug wäre ähnlich verlaufen.
(Bild: via Chen Lan, astronautix.com)
Die Indienststellung einer kleinen Flotte an Bergungsschiffen sowie zweier Bahnverfolgungsschiffe nährte auch im Westen die Vermutung, dass ein bemannter Raumflug bevorstünde. Im Mai 1980 fand erstmals die Bergung einer neuen, wesentlich größeren Raumkapsel im südchinesischen Meer statt, welche zuvor einen 10.000 Kilometer hohen ballistischen Flug vollführte. Umso unerwarteter muss die Ankündigung Wang Zhuanshan im Dezember 1980 gewesen sein, als dieser, seines Zeichens Generalsekretär der chinesischen Weltraumforschungsanstalt, verkündete, dass das Unterfangen eines bemannten Raumfluges auf Grund hoher Kosten vorerst auf Eis gelegt wird. Erneut sollten "irdischere" Ziele Vorrang haben. In der Tat spricht vieles dafür, dass China seinerzeit kurz vor einem ersten bemannten Start stand. Im Januar 1981 machten erneut Pressefotos mit Taikonauten in Ausbildung sowie Skizzen einer neuen Trägerrakete für das bemannte Programm die Runde.

Nach dem Tode Maos schien eine Wiederaufnahme des bemannten Weltraumprogramms sowieso illusorisch. Dieses war endgültig gestorben. In die Zeit um 1980 fallen auch Berichte, ein Taikonaut sei bei einem Startversuch ums Leben gekommen. Dies bestätigte sich bisher nicht, auch wenn viele westliche Experten diesen angeblichen Vorfall für den eigentlichen Grund der Einstellung des Programms ansehen. Schlüssige Beweise gibt es freilich auch hierfür nicht.

Über das damals konzipierte Raumschiff ist leider wenig bekannt. Im Westen bekannt wurde es als Shuguang ("Morgenröte"), seine ursprüngliche Projekt- und Werksbezeichnung ist Shu Guang Yi Hao. In der westlichen Literatur ist in der Regel von Dawn-1 die Rede. Angenommen werden kann, dass es sich dabei um eine modifizierte und vor allem vergrößerte Version des rückführbaren Satelliten FSW (Fanhui Shi Weixing) handelt, wie es auch ursprünglich angedacht wurde. In einem solchen Gefährt hätte wahrscheinlich nur eine einzige Person Platz gefunden und hätte seine Reise an Stelle einer alternativen Nutzlast, etwa des angesprochenen Kamerasystems, angetreten. Da das Hitzeschild der FSW-0-Kapsel vorwärts (also oben) montiert war, hätte sich der Taikonaut auf einem drehbaren Konturensessel befinden müssen. Anderenfalls hätte er entweder den Start oder die Landung nach unten hängend ertragen müssen. Eben dies war in einer Studie von Martin Marietta auch für das Mercury-Raumschiff der Amerikaner angedacht, erwies sich aber in der Praxis als zu kompliziert.



Spekulative Evolution der FSW-Kapsel hin zu einem bemannten System.
(Bild: Mark Wade, astronautix.com)
Allerdings wäre ein Ritt in jener Kapsel nicht nur aus Platzgründen ein Abenteuer gewesen: beim Start einer FSW-Kapsel, soviel ist westlichen Beobachtern sicher bekannt, treten Kräfte von 6 bis 11 g auf, verbunden mit einer Lautstärke von bis zu 150 dB. Die Landung erfolgt mit bis zu 14 m/s bei maximal 20 g. Dies ist für einen Menschen kaum überlebbar. Für ein Katapultsystem analog zu den sowjetischen Wostok-Kapseln hätte wahrscheinlich der Platz gefehlt. Eine hinnehmbare Option wäre die Landung im Wasser gewesen, was jedoch ebenfalls Risiken mit sich bringt. Eine stark modifizierte Variante der FSW hätte eventuell mehreren Taikonauten Platz bieten und mehr Komfort mit sich bringen können. Allerdings hätte dann die CZ-2 als Trägerrakete nicht mehr ausgereicht, um die Kapsel in den Orbit zu befördern.

Tabelle 1: spekulative Daten Shuguang*

offizielle Bezeichnung:

Project 714

Werksbezeichnung:

Shu Guang Yi Hao

Hersteller:

chinesische Luftwaffe

Gesamtmasse:

1,8 t

Länge:

4,6 m

max. Durchmesser:

2,2 m

Einzelmodule:

1

Crew:

1

Treibstoffmasse:

4.146 kgf

max. Brenndauer (prim. Triebwerk):

280 s

max. Delta v:

340 m/s

Stromversorgung:

Silber-Zink-Batterien



*) unter Annahme einer modifizierten FSW-0-Kapsel

 
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