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Projekt 921 - Chinas Neuanfang


Am 1. April 1992 erhielt man von der chinesischen Regierung grünes Licht für einen Neuanfang in Sachen bemannte Raumfahrt.

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Autor: Felix Korsch, 12.08.2003


Unter dem Titel "Nationales bemanntes Raumflugprogramm" wurde eine dreiphasige Entwicklung vorgesehen, um die direkte Präsenz Chinas im All zu erreichen und ein umfangreiches bemanntes Raumfahrtprogramm zu etablieren. Bei den künftigen Schritten konnte maßgeblich auf bereits vorhandene Infrastruktur zurückgegriffen werden, etwa Startanlagen in Jiuquan, Forschungseinrichtungen, beispielsweise das Zentrum für Raumfahrtmedizin in Peking, sowie erfahrene Konstruktionsbüros in Shanghai. Vordergründig ging es im Projekt 921 um die Entwicklung eines bemannten Raumfahrzeuges, die Konstruktion einer zugehörigen Trägerrakete sowie die Schaffung geeigneter Startanlagen und Missionszentren.

Das Projekt wurde unterteilt in drei Einzelbereiche:

  • Projekt 921-1 sah die Entwicklung eines bemannten Raumfahrzeuges in Kapselform in Anlehnung an frühere Studien (vor allem an die Shuguang-Kapsel) sowie eines neuartigen, leistungsfähigen Trägersystems bis etwa 2000 vor
  • Im Rahmen des Projektes 921-2 soll zusätzlich eine Raumstation, die "chinesische Skylab", entstehen, um auch Langzeitflüge zu erproben
  • Projekt 921-3 schließlich hat die Aufgabe, einen technisch leistungsfähigen Raumgleiter hervorzubringen


Die Computergrafik zeigt Shenzhou im Orbit. Projekt 921-1 ist damit erfüllt.
(Bild: Simon Zajc)
Der Erststart von Shenzhou ("Gottesschiff"), so der offizielle Name des Objekts 921-1, sollte von Anbeginn an im Oktober 1999 zu Ehren des 40. Jahrestages des Bestehens der Volksrepublik China geschehen. Dieses Ziel wurde erfolgreich gemeistert. Bevor standen jedoch noch zahlreiche technische Hürden. Ein erster Entwurf des projektierten Raumschiffes wurde noch im Jahr 1992 der International Astronautical Federation (IAF) präsentiert, um die Ernsthaftigkeit der Bestrebungen hervorzuheben. Jener Entwurf hatte bereits gewisse Ähnlichkeit mit dem russischen Sojus-Raumschiff, zeigte also die typische Dreigliederung in Orbitalsektion, Rückkehrkapsel und Gerätesektion. Orbital- und Gerätesektion waren allerdings absolut unterproportioniert und die Rückkehrkapsel zeigte die Form einer Glock - oder anschaulicher gesprochen: einer Birne.

Schon im Oktober 1993 kam das aus für die neue Trägerrakete. Diese sollte - betrieben mit Flüssigsauerstoff und Kerosin - den Start großer Nutzlasten erlauben, wäre also auch für eine etwaige Raumstation (921-2) nutzbar gewesen und es hätten zudem die toxischen Abgase beim Start verhindert werden können. Schnell erwies sich, dass dieses Vorhaben jedoch finanziell sehr aufwendig ist und die chinesische Führung leitete entsprechende Ressourcen lieber in militärische Projekte um. Die Chinese Academy of Space Technology (CAST) erhielt den Auftrag, eine Trägerrakete auf Basis der vorhandenen CZ-2E zu entwickeln. Hiermit ließen sich die Entwicklungskosten erheblich verringern, da man die zu schaffende CZ-2F wie nach dem Baukasten-System aus existierenden und bisher funktionierenden Komponenten zusammensetzen konnte.



Seitenansicht des Shenzhou-Raumschiffes nach aktueller Spezifikation.
(Bild: Felix Korsch)
Die Shanghai Academy of Spaceflight Technology (SAST, damals noch Shanghai Bureau of Astronautics) sowie das Aerospace Medical Engineering Research Institute (AMERI) erhielten ihrerseits den Auftrag zur Entwicklung des Raumschiffes Shenzhou. Parallel zu diesen Arbeiten wurde mit dem Bau eines neuen Flugleitzentrums im Nordosten Pekings begonnen. Im Jahre 1994 erhielt das Projekt eine einschneidende Wende. Nachdem sich die politischen Beziehungen zu Russland wieder normalisiert hatten und die Russen ihrerseits den Ausverkauf ihres Raumfahrtprogramms einläuten mussten, sah man die Chance, Technologie zuzukaufen. Im September 1994 besuchte der chinesische Präsident Jiang Zemin das russische Flugkontrollzentrum nahe Moskau und knüpfte erste dies bezügliche Kontakte.

Nach einem Gegenbesuch des Chefs der russischen Weltraumbehörde, Juri Koptew, wurde schließlich im März 1995 ein umfangreicher Kooperationsvertrag mit Russland geschlossen. Jener beinhaltete die Ausbildung zweier Chinesen im russischen Kosmonautenausbildungszentrum "Juri Gagarin" sowie die Bereitstellung des gesamten russischen Navigations-, androgynen Kopplungs- und Lebenserhaltungssystems aus den Sojus-Raumschiffen. Mit dem Training der beiden chinesischen Kosmonauten erhielt man außerdem entsprechende Skaphander bzw. Sokol-Raumanzüge. Nach unbestätigten Quellen erhielt China im Rahmen eines privaten Deals außerdem eine komplette Sojus-Rückkehrkapsel und erwarb zudem eine Blaupause von Sojus-T, also der zweiten Sojus-Generation (es folgten auf russischer Seite Sojus-TM und nun aktuell Sojus-TMA).



Parallel zum Raumschiff Shenzhou tranieren mindestens seit 1999 künftige Taikonauten in China.
(Bild: unbekannt)
Entsprechend den neuen Gegebenheiten wurde Shenzhou umkonstruiert und mit den fertigen russischen Systemen bzw. Nachbauten dieser ausgestattet. Offizielle chinesische Quellen negieren noch immer diese Art der Zusammenarbeit mit Russland und geben das gesamte Raumschiff als ihr Eigenwerk aus. Obwohl große Teile des Raumschiffes wohl tatsächlich mit eigenem Know-how gefüttert wurden, lassen sich die Parallelen zum russischen Sojus-Raumschiff nicht wegreden. Eindeutige Eigenarbeit der Chinesen sind auf der anderen Seite die autonom funktions- und manövrierfähige Orbitalsektion sowie die Solarpaneele. Daher wäre es ebenso falsch, Shenzhou als bloße Kopie des Sojus-Raumschiffes hinzustellen. Dies wird untermauert durch Flugparameter, welche das russische Pendant einholen und auf eigenem Wissen und Know-how gründen müssen.

Im Mai 1998 wurde ein erstes Mock-up-Modell von Shenzhou fertig gestellt und für Hardware-Tests verwendet. Gleichzeitig kam auch die designierte Trägerrakete CZ-2F zu ihrer vorläufigen Vollendung. Im Juni des kommenden Jahres tauchten im Internet, genauer dem Chinese Military Forum angeblich offizielle Verlautbarungen auf, nach dem ein erster unbemannter Testflug im Oktober des gleichen Jahres stattfinden würde. Angefügt waren Bilder, abgescannt aus einer Broschüre einer innermongolischen Firma, welche mit dem Ausbau des Kosmodroms Jiuquan beauftragt war, welche die neue CZ-2F zeigen. Zunächst gab es Zweifel über die Glaubhaftigkeit der Quelle, schließlich sind chinesische Militärquellen auch dafür bekannt, retuschierte Fotos gezielt in Umlauf zu bringen. Nach kurzer Zeit gab es an der Echtheit jedoch keinen haltbaren Zweifel mehr.

Kurz darauf aufkommende Gerüchte, auf dem Kosmodrom sei es zur Explosion von Treibstoffen der CZ-2F gekommen, bestätigten sich dagegen nicht. Allerdings wurde der Erststart von Shenzhou tatsächlich offiziell, aber unbegründet und kommentarlos auf unbestimmte Zeit aufgeschoben. Gleiches geschah mit dem Datum des ersten bemannten Starts: plante man diesen bisher für das Jahr 2000 oder 2001 wurde nun plötzlich 2005 genannt. Immerhin ging die Ausbildung des mittlerweile auf 14 Personen gewachsenen chinesischen Taikonautenkorps weiter. Im Sternenstädtchen bei Moskau trainierten laut russischen Angaben "15 bis 20" Chinesen im so genannten Hydrolab und nahmen an Zero-G-Flügen (Parabelflüge zur Simulation der Mikrogravitation) teil.

Schließlich kam es doch noch in 1999, nämlich am 19. November, zum Erststart von Shenzhou, wie das Raumschiff von nun an bezeichnet wurde. Es folgten drei weitere - betont völlig erfolgreiche - Flüge. Der fünfte, erstmals bemannte Flug, soll noch in diesem Jahr stattfinden. Das Projekt 921-1 wird dann im vollen Umfang erfüllt sein. China wird damit seine Fähigkeit zur bemannten Raumfahrt unter Beweis stellen und zur unangefochten dritte Raumfahrtnation. Nach vielen glücklosen Anläufen sind damit Russen und Amerikaner nicht mehr Alleinherrscher über den erdnahen Raum.

 
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