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Wissenstransfer von Europa nach China


In früheren Newslettern zur Astronomiegeschichte wurde das 17. Jhdt als Zeit dargestellt, in der sich eine stark an der Antike angelehnte Astronomie zu einer neuen Astronomie entwickelt, welche sich an physikalischen Fragestellungen abarbeitet (also einer Astrophysik).

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Autor: Tilman Kaiser, 18.04.2005


Auf der Seite der Theoriebildung waren hier die wichtigsten Vertreter im 17. Jhdt Johannes Kepler, Galileo Galilei und Isaac Newton. Auf der anderen Seite ist diese Zeit gekennzeichnet durch höhere Beobachtungsgenauigkeit und verbesserte Instrumente.

Schon im 16. Jhdt hatten sich zwei Forschergruppen mit der Aufstellung neuer genauerer Sternkataloge hervorgetan. Dies war zum einen das Team um den hinlänglich bekannten Dänen Tycho Brahe, der seine "Beobachtungsfestung" Uranienburg auf der Insel Hven errichtet hatte und eine Beobachtungsgruppe in Kassel am Hof des Landgrafen Wilhelm IV. Hier arbeiteten der Astronom Christoph Rothmann und der Schweizer Mathematiker und Mechaniker Jost Bürgi, der für astronomische Beobachtungen wichtige Zeitmessgeräte (d.h. präzise Uhren) mit bis dato nicht erreichter Genauigkeit konstruierte. Diese beiden Arbeitsgruppen pflegten den wissenschaftlichen Austausch wie ein umfangreicher Briefwechsel zwischen Kassel und Hven belegt. So existierten um 1600 zwei neue, hervorragend genaue Sternkataloge, an denen sich alle zukünftigen Beobachtungen messen mussten.

Es zeigt sich, dass das Abendland im 17. Jhdt auf dem Gebiet der beobachtenden Astronomie allen anderen Kulturen überlegen war. Das Fernrohr aus dem Jahr 1609 ist nur eines von vielen Instrumenten, welche beispielhaft für den Siegeszug der europäischen Wissenschafts- und Technologiekultur im 17. Jhdt stehen.

Beim Transfer dieser Kulturleistung in andere Kulturkreise spielt komischerweise die katholische Kirche eine nicht unbedeutende Rolle - im allgemeinen wird sie heute gern als Hemmschuh für den wissenschaftlichen Fortschritt im 17. Jhdt angesehen. Gerade aber unter den Jesuiten gab es im 17. Jhdt sehr gelehrte Astronomen und die Astronomie war ein wichtiges Fach in den Jesuitenkollegien. Viele dieser jesuitischen Astronomen besaßen hervorragende methodische Kenntnisse und waren beseelte Forscher. Allerdings waren die meisten von ihnen aus Konformismus zur katholischen Lehrmeinung vom Tychonischen Semigeozentrismus überzeugt - ein Kompromiss zwischen dem geozentrischen Weltbild des Ptolemäus und dem heliozentrischen Weltbild des Kopernikus. Jesuiten waren nicht nur als Missionare in der technologisch unterlegenen südamerikanischen Kultur aktiv, sondern traten auch in der hochentwickelten chinesischen Kultur in Erscheinung. Eine entscheidende Rolle bei der Akzeptanz der europäischen wissenschaftlichen Kultur spielte die höhere Genauigkeit derInstrumente aus dem Abendland. Voltaire schreibt hierzu in seinen "Dialogues et Entretiens Philosophiques":
"Der Kaiser Kang-Xi hatte mit einzigartigem Wohlwollen die jesuitischen Bonzen empfangen, die, durch die Gunst einiger Armillarsphären, Barometer, Thermometer, Gläser, die sie aus Europa mitbrachten, von Kang-Xi die öffentliche Toleranz der christlichen Religion erhalten." Anscheinend gab es am Hof des Kaisers sogar Voraussagewettbewerbe zwischen chinesischen, arabischen und europäischen Astronomen während der ersten Hälfte des 17. Jhdt, die sich positiv für die Europäer auswirkten.

Chinesische Wissenschaftler pickten sich allerdings nur die Rosinen aus dem Kuchen, der ihnen von den Jesuiten mitgebracht wurde. Einerseits erkannten sie die Überlegenheit der europäischer Instrumente, der Beobachtungsmethode und die Vorteile der mathematischen Berechnungsvorschriften. Auf der anderen Seite schenkten sie der Theologie, der Logik und dem kosmologischen Weltbild der Jesuiten wenig Beachtung. In der chinesischen Kosmologie war das Universum ständigen feinen Veränderungen unterworfen, während die Jesuiten von der göttlichen Unveränderlichkeit des Fixsternhimmels ausgingen. Noch Einstein hielt mit seinen frühen kosmologischen Modellen an einem statischen Universum fest. Heute wissen wir , dass die chinesische Kultur in dieser Hinsicht die richtige Vorahnung hatte. In diesem Sinn kann in China auch nicht von einer Kopernikanischen Revolution die Rede sein, als polnische Jesuiten erstmals das neue Heliozentrische Weltbild im Gepäck haben. Die Chinesen interessierten sich ohnehin nicht so sehr für die kosmologischen Modelle der Europäer bzw. hatten kein Problem damit, dass sich diese Modelle offensichtlich änderten. Zur ersten Generation katholische Missionare in China gehörte der Italiener Matteo Ricci, ein Schüler des Mathematikers, Astronomen und Geographen Christoph Clavius in Rom. Ricci war beteiligt an der astronomischen Kalenderreform 1629 unter der Direktion von Xu Guangqi. Der Kölner Jesuit Adam Schall war Missionar, Astronom und Berater am Hof des Kaisers in Beijing. Schall verfaßte zusammen mit Li Zubai 1626 eine wissenschaftliche Abhandlung über das Fernrohr, die Keplers optische Gesetze verwendete und 1630 in Beijing erschien. Des weiteren erschien 1645 eine „Geschichte der Astronomie des Abendlandes“ (Lifa xi zhuan), die auch von der kopernikanischen Lehre berichtet.

Der Nachfolger von Schall am Hof des Kaisers war der belgische Pater Ferdinand Verbiest. Er konnte den Hof endgültig davon überzeugen, das die vorhandenen mongolischen Instrumente obsolet waren und durch europäische Instrumente ersetzt werden müßten. Einige dieser Instrumente (Sextant, Quadrant, Horizontkreis, Ekliptik- und Äquatorarmille sowie ein Himmelsglobus) können noch heute in der alten Sternwarte von Peking zu besichtigt werden.

Quellen

J. Hamel: "Astronomiegeschichte in Quellentexten", Berlin 1996

 
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